Ich demonstriere für die Grundlagenforschung

Diese Blog wurde auch auf Real Scientist De veröffentlicht.
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Dieser Samstag, der 22. April 2017, stellt ein seltenes Ereignis dar. In 518 Städten weltweit werden Wissenschaftler auf die Straße gehen. Und das obwohl Wissenschaftler eigentlich dazu neigen für ihre Forschung zu leben. In ihrer eigenen kleinen Blase sozusagen. Etwas Einschneidendes muss passieren, um Wissenschaftler aus allen Bereichen zu vereinen und zum Demonstrieren zu bewegen. Bemerkenswert ist, dass der „March for Science“ für etwas ist. Nicht dagegen. Ja, die Idee entstand als Protest gegen die neue amerikanische Regierung. Eine Regierung die wissenschaftliche Erkenntnisse mit “alternativen” Tatsachen ersetzt. Eine Regierung die nicht an den Klimawandel oder die Sicherheit von Impfungen glaubt. Aber wenn man die Geschwindigkeit sieht, mit der sich das Konzept einer Demonstration für die Wissenschaft auf der ganzen Welt verbreitet hat, muss man sich fragen ob nicht mehr dahinter steckt.

Populisten sind auf dem Vormarsch in vielen Ländern – denkt nur an die bevorstehenden französischen Wahlen – und sie alle haben eins gemeinsam. Sie neigen dazu, ihre eigenen Wahrheiten zu generieren. Große Versprechen und Aussagen beruhen dabei selten auf fundierten Fakten, dafür meist auf einer Meinung. Aber warum hören die Leute diesen Politikern zu? Warum gibt es keinen größeren Aufschrei für Wahrheit auf der Grundlage von Beweisen? Weil in den meisten Ländern Wissenschaftler als eine Art Elite gesehen werden. Eine Gruppe von Menschen, die unter sich bleibt und zu der die meisten Bürger keine Verbindung haben. Das wird schmerzlich sichtbar, wenn man sieht, wie Wissenschaftler in den Medien dargestellt werden. Sie sind entweder die Schurken (wie in jedem Superhelden-Film) oder Witzfiguren (Big Bang Theory).

Die Leute haben genug von Eliten. Denn wer weiß, was diese Wissenschaftler sich in ihren Elfenbeintürmen wieder gedacht haben, richtig? Aber dieses Denken ist gefährlich – Politiker und Bürger sollten Wissenschaftlern vertrauen. Wissenschaftler widmen sich ihr Leben lang einem bestimmtem Thema. Sie sind Experten in ihrem Bereich und können Beweise liefern, um die Politik zu informieren and damit Gesetze in Gang zu setzen um jedermanns Leben besser zu machen. Um das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft wiederherzustellen, müssen Wissenschaftler versuchen die Öffentlichkeit besser einzubinden. Sie müssen dabei nicht nur wissenschaftliche Methoden und Ergebnisse erklären, sondern sich selbst und den wissenschaftlichen Prozess transparenter und verständlicher machen.

Am Samstag werden viele Wissenschaftler genau dafür auf die Straße gehen. Sie demonstrieren für die Freiheit der Wissenschaft. Sie demonstrieren, um der Welt zu zeigen, wie Wissenschaftler wirklich aussehen. Und während demonstrieren, um sicherzustellen, dass die Politik auf der Grundlage wissenschaftlicher nicht alternativer Tatsachen gestaltet wird, ein großartiger Grund ist am Samstag teilzunehmen, habe ich persönlich eine anderen Grund.

Ich bin Immunologe, der an einem bestimmten Zelltyp namens Makrophagen und der Frage arbeitet, warum Makrophagen so viele verschiedene Funktionen in verschiedenen Geweben erfüllen können. Das ist Grundlagenforschung. Wissenschaft, die aus Neugier heraus durchgeführt wird, nicht um eine bestimmte Krankheit zu heilen. Für mich ist das, was die Wissenschaft in ihrer reinsten Form ausmacht – das Streben nach Wissen. Was ist während des Urknalls passiert? Wie funktioniert das Gehirn? Was bringt Zellen mit dem gleichen Ursprung dazu in verschiedenen Umgebungen unterschiedlich zu agieren?

Diese Art von Forschung wird immer schwieriger. Um eine Forschungsidee zu verfolgen, müssen Wissenschaftler Gelder beantragen, um ihr Gehalt zu finanzieren, sowie alle Materialien, die sie für die Durchführung ihrer Forschung benötigen. Alle Zuschussanträge, die ich bisher gesehen habe, beinhalten einen Abschnitt, in dem die Wissenschaftler aufgefordert werden, ihre Forschungsidee auf die globale Gesundheit zu beziehen. Die große Frage ist: Was ist der Nutzen für die Menschheit?

Aber nicht alle Forschung hat unmittelbare Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit, was zwei schwerwiegende Folgen hat. Grundlagenforschung erhält weniger Finanzierung und Forscher suchen (manchmal auf kreative Weise) nach Verbindungen zwischen ihrer Forschung und Krankheiten. Während beides große Auswirkungen hat, ist für mich als begeisterter Wissenschaftskommunikator die zweite Konsequenz schlimmer. Der Versuch, Grundlagenforschung mit der globalen Gesundheit zu verknüpfen, stellt einen wichtigen Blick in die Zukunft dar – denn ohne Verständnis für die grundlegenden Molekularbiologie, die einer Krankheit zugrunde liegt, kann kaum eine Heilung gefunden werden. Im Gegenzug sollte das aber nicht bedeuten, dass der Druck auf Wissenschaftler so groß ist, dass jeder der einen zellularen Prozess studiert, ihn auch gleich mit der Krankheit verknüpfen muss. Diese Verhalten führt zu schlechten Wissenschafts-Schlagzeilen. Wissenschaftliche Ergebnisse werden dann in den Medien falsch interpretiert und übertrieben dargestellt. Das kann falsche Hoffnungen in Patienten wecken und ist Teil des Problems, warum die Öffentlichkeit den Glauben an die Wissenschaft verliert.

Öffentliche Gelder sollten für die Erforschung der am häufigsten vorkommenden Krankheiten ausgegeben werden. Die Sache ist – auch Grundlagenforschung hilft, Krankheiten zu heilen. Grundlagenforschung zielt darauf ab, Informationen zu unserem Verständnis der Welt hinzuzufügen, indem man versucht, Mechanismen oder Wege innerhalb von Zellen oder Wechselwirkungen zwischen Zellen zu analysieren. Wie können wir erwarten, dass Wissenschaftler eine bestimmte Krankheiten heilen können, wenn wir (1.) die Biologie hinter der Krankheit nicht verstehen oder/und (2.) nicht die Technologie haben, um ein Medikament zu produzieren?

Die Implikationen für Grundlagenforschung sind nicht immer sofort absehbar. Wir müssen dies anerkennen und Respekt für die Grundlagenforschung haben. Ein gutes Beispiel für die manchmal unvorhersehbaren Konsequenzen der Grundlagenforschung ist, wie die Behandlung für Diabetes erschwinglich gemacht wurde. Es begann mit Diabetes-unabhängiger Forschung, die untersuchte, wie sich Bakterien vor Viren schützen. Wenn ein Virus ein Bakterium infiziert, fügt es seine eigene DNA in das Bakterium ein, um die Bakterien-eigene Proteinsynthese-Maschinerie zu nutzen um mehr Viren zu produziert. Als Schutz haben Bakterien sogenannte Restriktionsenzyme entwickelt, die die Virus-DNA spezifisch schneiden und damit die Virusreproduktion hemmen. Wissenschaftler haben Restriktionsenzyme seitdem zu einem Forschungsinstrument weiterentwickelt, das es ermöglicht, spezifische Teile von DNA (genannt Gene) zu schneiden. Wenn diese Gene in Bakterien eingefügt werden, ermöglicht die schnelle Replikation von Bakterienzellen die schnelle Produktion der Proteinen, die von diesen Genen kodiert werden. Auf diese Weise können Bakterien verwendet werden, um menschliche Proteine ​​wie Insulin zu produzieren. Diese Art der Insulinproduktion hat die Diabetesbehandlung revolutioniert und bezahlbar gemacht.

Deshalb werde ich am Samstag für die Wissenschaft demonstrieren. Ich werde für die Freiheit marschieren, die Grundlagen der Biologie zu erforschen. Denn man kann nie so genau wissen, wo uns diese Erkenntnisse hinführen werden.

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