Fruchtbarkeit und Schwangerschaft in Zeiten von Corona

Die Impfungen sind da. Doch gerade jungen Menschen haben Angst. Angst vor einer Impfung die ihre Familienplanung zerstört. In Großbritannien wollen, laut einer Umfrage, bis zu 25% der jungen Frauen die Impfung deswegen ausschlagen. In Deutschland sind Frauen weniger impfwillig als Männer – wohl zumindest zum Teil, aus Angst um den möglichen Nachwuchs. Es gibt aber – nach aktuellem Stand – keine Anzeichen dafür, dass eine Corona-Impfung unfruchtbar macht oder sich negativ auf bestehende Schwangerschaften auswirkt. 

Es folgt eine Zusammenfassung des aktuellen Standes der Wissenschaft. Antworten auf drei häufig verbalisierte Ängste und was wir von den laufenden Impfkampagnen gelernt haben. Wer bis zum Ende liest, erfährt, warum es sogar vorteilhaft sein kann Schwangere zu impfen!

Kann der Impfstoff mein Erbgut verändern und damit meinen Nachkommen schaden?

Die drei bisher in der EU zugelassenen Impfstoffe (und der wahrscheinlich bald folgende Impfstoff von Johnson&Johnson) sind Gen-basierte. Sie enthalten den Bauplan, in RNA oder DNA Form, für das Spike Protein von SARS-CoV-2. Unser Zellen produzieren anhand des Bauplans das virale Protein und eine Immunantwort wird ausgelöst. Das Einschleusen viralen Erbgutes in die Zellen des Impflings führte zur viel diskutierten Sorge (hier ein MaiLab-Video zum Thema), dass virale Gene sich in unser Erbgut einbauen und diese verändern können. Dies ist aber höchst unwahrscheinlich.

Hierzu eine kurze Begriffsklärung zu Erbgut, DNA und RNA. Unser Erbgut, also unsere Gene, sind auf langen DNA Molekülen (den Chromosomen) im Zellkern gespeichert. Um ein Gen zu nutzen, wird es zuerst in mRNA umgeschrieben, welche anschliessend im Zellplasma als Bauplan für Proteine dienen. Proteine sind die Werkzeuge der Zelle. Im Falle der Impfung dient das virale Protein der Aktivierung des Immunsystems.

Die Impfstoffe von Moderna und BioNTech/Pfizer enthalten virale mRNA. mRNA wird, wenn sie in die Zellen eingedrungen ist, direkt zur Produktion der viralen Spike Proteine im Zellplasma genutzt. RNA wird aus verschiedenen Gründen nicht in DNA integriert. Zum Einen unterscheidet sie sich in ihren Bestandteilen von DNA. Zum Anderen fehlen den menschlichen Zellen die nötigen enzymatischen Proteine um mRNA in DNA umzuschreiben. Zusätzlich dringt die, in den Impfstoffen enthaltene, mRNA nie in den Zellkern ein, wo unsere DNA “wohnt” ein und wird binnen Stunden abgebaut. Mehr Details zu RNA Impfstoffen findet ihr hier.

Die Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson&Johnson nutzen Transportviren (Adenovirale Vektoren) um den Bauplan für das SARS-CoV-2 Spike-Protein auf einem DNA Stück zu übermitteln. Die zu Transportviren umgewandelten Adenoviren kennen wir als Erkältungsviren. Sie sind nicht dafür bekannt, sich ins Genome zu integrieren. Sonst würde unser Erbgut mit jedem Schnupfen verändert! Die von den Adenoviren transportierte DNA dringt zwar – im Gegensatz zu RNA – in den Zellkern ein, bildet dort aber ein eigenes Chromosom. Dies liegt neben dem menschlichen Chromosomen und wird unabhängig abgelesen. 

Selbst wenn ein virales RNA oder DNA Stück in unser Erbgut integriert, hat dies keine Auswirkungen auf Fortpflanzung. So werden Zellen, die virale Spike Proteine produzieren vom Immunsystem erkannt und getötet. Und all das in den Zellen des Armmuskels, in den der Impfstoff injiziert wird. Und nicht in den Eizellen oder Spermien aus denen mögliche Nachfahren entstehen. Diese erreicht der Impfstoff nämlich gar nicht – siehe nächster Punkt.

Kann der Impfstoff in den Fötus oder mein Baby übergehen und ihm schaden?

Das einer der drei zugelassenen Impfstoffe in der Schwangerschaft die Plazenta passiert und in den Fötus gelangt ist sehr unwahrscheinlich. Für die mRNA Impfstoffe (BioNTech/Pfizer und Moderna) gilt, dass die mRNA entweder genutzt wird, um virale Proteine herzustellen oder umgehend abgebaut wird. Die geringe Stabilität der mRNA verhindert also, dass sich der Impfstoff im Körper ausbreitet. Bei intramuskulärer Injektion verbleibt der Impfstoff hauptsächlich nahe der Einstichstelle im Muskel. Mit Hilfe von „leuchtenden“ Mäusen konnte die Ausbreitung der mRNA Impfstoffe genau verfolgt werden. Neben dem Muskel, wanderte der Impfstoff zu den nächsten Lymphknoten, zur Milz und Leber. Die Verbreitung über das lymphatische System (besonders Richtung Milz über die Lymphknoten) ähnelt einer normalen Infektion und ist ideal für eine optimale Nutzung des generierten Spike-Proteins, da es räumliche Nähe zu Immunzellen gewährleistet.

Auf viralen Vektoren basierte Impfstoffe, wie der von AstraZeneca, wurden so entwickelt, dass sie sich nicht vermehren können. Das heisst, die verwendeten Adenoviralen Vektoren können nur die erste Zelle infizieren, der sie begegnen. Diese befindet sich nahe in der Einstichstelle. Es werden keine neuen Viren gebildet und daher kann sich der Virus nicht im Körper ausbreiten und auch nicht den Fötus erreichen.

Experten halten es auch für unwahrscheinlich, dass die Impfstoffe über die Muttermilch an Babys weitergeben werden können. Wie in der Schwangerschaft, erreichen die Impfstoffe nicht die Brust. Ein neue, als Pre-Print veröffentlichte, Studie bestätigt dies. Die Forscher fanden 4-48 Stunden nach der Impfung keinen mRNA Impfstoff in der Milch von sechs stillenden Müttern. Aber selbst wenn Impfstoff in die Brustmilch gelangen würde, würde er im Magen des Säuglings verdaut. Den sauren pH-Wert dort halten die Impfstoffe nicht aus.

Kann der Impfstoff die Plazenta schädigen?

Manchmal reicht ein Gerücht um Angst zu säen. Letztes Jahr gab es eine solches Gerücht in einem Blogpost. Forscher bei Pfizer seien, laut dem Blog, in Sorge, dass vom Impfstoff induzierte Antikörper, die Plazenta angreifen und zu Fehlgeburten führen kann. Impfungen in der Schwangerschaft seien daher gefährlich. 

Das stimmt nicht.

Die Corona Impfstoffe induzieren die Bildung von Antikörpern gegen das Spike Protein von SARS-CoV-2. Auch eine normale Covid-19 Erkrankung führt zur Bildung von Antikörpern gegen dieses Oberflächenprotein. Eine durchgemachte Infektion müsste daher den gleichen Effekt auf die Placenta haben – genau wie die Impfung. Wir wissen aber, dass Frühgeburten, in an Corona erkrankten Schwangeren im ersten Trimester, nicht häufiger auftreten. 

Der Blog suggerierte eine Ähnlichkeit zwischen dem Spike Protein des Coronavirus und dem Plazenta Protein Syncytin-1. Angeblich würde die vom Impfstoff induzierten Antikörper beide Proteine erkennen. Und ohne Syncytin-1 kann die Plazenta nicht geformt werden. Vergleicht man aber die Proteinsequenzen – also den molekularen Bausatz des Spike Proteins und Syncytin-1 findet man keine nennenswerten Übereinstimmungen. Wenn man im Blut von Covid-19 Patienten enthaltene Antikörper mit dem Syncytin-1 Protein mischt, sieht man keine Reaktion der Antikörper auf das Plazenta Protein. 

Was wissen wir aus der Praxis?

Neue Impfstoffe werden meist an gesunden Menschen getestet. Schwangere werden ausgeschlossen, da die Effekte des Impfstoffs erstmal nur auf den erwachsenen Körper getestet werden sollen. Mögliche schädliche Auswirkungen auf Fruchtbarkeit und Schwangerschaften werden aber vorher in Tiermodellen getestet. 

Die Ergebnisse zur “Reproductive Toxicity” – also Toxizität des Impfstoffs bezüglich der Fortpflanzung scheinen noch nicht publiziert zu sein. Man findet sie aber in den Unterlagen zur Zulassung der Impfstoff bei der EMA. AstraZeneca listet keine Schäden bei schwangeren Mäusen oder deren Nachfahren. BioNTech/Pfizer und Moderna testeten ihre mRNA Impfstoffe an Ratten. Weder Impfungen vor noch nach der Befruchtung hatten signifikanten Einfluss auf Fruchtbarkeit, Schwangerschaftsverlauf oder Entwicklung der Nachfahren.

Die klinischen Studien von BioNTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca beinhalten keine schwangeren Frauen. Den Teilnehmern wurde auch empfohlen Schwangerschaften während der Studiendauer zu vermeiden. Trotzdem kam es zu 57 Schwangerschaften. Diese traten gleichverteilt in Placebo und Impfstoffgruppe auf. Keine der Impfungen verhinderte also Schwangerschaften. Auch das Auftreten von Fehlgeburten wurde durch den Impfstoff nicht beeinflusst. Die Zahlen die hier zwischen Placebo und Impfstoff-gruppen verglichen werden sind klein. Aber sie geben einen ersten -positiven- Einblick. 

Neben den Schwangerschaften in den klinischen Studien laufen die Impfkampagnen in den USA und Europa seit Ende Dezember. In Deutschland, wie in vielen anderen Ländern, ist die Impfung von Schwangeren momentan nicht empfohlen (STIKO). Schwangere können sich aber, bei erhöhtem Risiko sich mit Covid-19 anzustecken oder schwer zu erkranken, zB in einem medizinischen Beruf oder wegen Vorerkrankungen, nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung impfen lassen. 

In den USA wurden schon mehr als 30 000 schwangere Frauen geimpft und es gab keine Auffälligkeiten (“red flags”) laut Dr. Fauci in einem White House Briefing. Aber natürlich wird dies auch genauer analysiert. Eins der Programme die Impfnebenwirkungen in den USA verfolgt heisst V-safe. Eine V-safe Auswertung mit 1815 Schwangeren fand keine Unterschiede bei Fehlgeburten, Schwangerschaftskomplikationen wie Diabetes oder Frühgeburten. 

Die Daten stammen von einem kurzen Zeitraum. Die klinischen Studien starten im letzten Sommer, die Impfkampagnen im Dezember. Trotzdem wären schwerwiegende Folgen in Schwangerschaften längst aufgefallen. Es wurden schon tausende Schwangere geimpft. Nichtsdestotrotz werden Impfstoffe in Schwangeren weiter erforscht. BioNTech/Pfizer startete im Februar eine klinische Studie ihres Impfstoffs in Schwangeren über 18. 

Warum impfen in der Schwangerschaft oder/und Stillzeit sogar gut sein könnte

Zu Recht fokussieren wir uns auf mögliche negative Folgen einer Impfung für Mutter und Kind. Aber wir sollten nicht vergessen womit wir hier vergleichen. Die Alternative zur Impfung sind entweder strikte Kontaktbeschränkung bis Herdenimmunität erreicht ist oder die Krankheit selbst durchzumachen. Letzteres bringt Risiken. Schwangere Covid-19 Patienten benötigen öfter eine intensivmedizinische Versorgung und ihre Babies kommen vermehrt zu früh auf die Welt. Es bedarf also einer individuellen Abwägung zwischen dem Risiko sich zu infizieren und den möglichen Risiken einer Impfung. Wobei sich das Impfrisiko als äußerst gering darstellt.

Neben Vermeiden des Risikos für Schwangerschaftskomplikation durch Covid-19, gibt es erste Hinweise darauf, dass werdende und stillende Mütter mit einer Impfung auch ihre Babys vor einer Covid-19 Erkrankung schützen könnten. Zwei gerade als Pre-print veröffentlichte Studien beschreiben, dass nach einer Impfung gebildete Antikörper von der Mutter auf das Kind übergehen. Einmal wurde die Antikörper im Nabelschnurblut des Neugeborenen gefunden. In der zweiten Studie in der Muttermilch. Das maternale Antikörper gegen Ende der Schwangerschaft über die Plazenta und später über das Stillen Schutz auf die, immunologisch noch recht naiven, Babies übertragen ist nicht neu. Die Studien zeigen aber erstmals eine Möglichkeit Neugeborene in der Pandemie zu schützen. 

Inspiriert wurde dieser Text von Veröffentlichen von Victoria Male, einer britischen Forscherin im Gebiet Fortpflanzung. Ihre Recherchen in Nature Immunology Reviews und als google.doc findet ihr hier.

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